Weihnachtsbrief 2011 |
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Liebe freunde,fest entschlossen den alljährlichen weihnachtsbrief nun zu papier zu bekommen, sitze ich im flughafen LaGuardia in New York und nippe an einem viel zu süssen cappuccino. In etwas über einer stunde wird mich Frontier Airlines zurück nach Denver fliegen. Kerstin wird mich schon im terminal erwarten. Auf der fahrt vom flugplatz werden wir dann Tim mit sack und pack am studentenwohnheim in Boulder einsammeln - der wird froh sein, seine letzte semesterabschlussprüfung hinter sich gebracht zu haben. Auch Ricco wird schon vom college zuhause sein. Damit kann weihnachten also kommen.
Das jahr began unter ungeplanten umständen. Eigentlich sollten Kerstin und ich über neujahr nach Deutschland fliegen. Tatsächlich verbrachten wir dann aber die beiden weihnachtsfeiertage abwechselnd im Krankenhaus mit Ricco, der unter pfeifferschem drüsenfieber und einer schweren Angina litt. So wollten wir ihn natürlich nicht in Colorado zurücklassen, also flog ich kurzerhand allein und Kerstin holte ihren besuch im März nach. Nach seiner genesung jobbte Ricco bald wieder in einem restaurant und spielte ausserdem mit seiner band in pubs der umgegend. Während Tim in der CU Boulder sein sechstes semester absolvierte, nahm sich Ricco nämlich nach der schule ein jahr frei. In den ersten monaten des jahres nahm dann auch unser grossprojekt gestalt an: wir bauten unseren keller zu einem tonstudio aus und realisierten damit einen lang gehegten traum. Neben dem schallgedämpften studio gab es ein neues zimmer mit bad für Ricco und ein wohnzimmer mit gitarrenwand. Im ersten stock wurde dadurch ein gästezimmer mit blick auf die Indian Peaks frei, das Kerstin in einem französischen thema dekorierte. Tim war unser ruhiger pol dieses jahr. Er konzentrierte sich sehr auf sein studium und kann auf seine ergebnisse stolz sein: er schloss das sommersemester mit einem schnitt von 4.0 ab, also einer glatten eins. Auch was den sport betrifft ist Tim ungeheuer diszipliniert und lässt sich selbst durch eisige temperaturen nicht vom joggen abhalten. Im Februar sank das thermometer nachts schon mal auf minus 25 grad. Von meinem "home office" konnte ich während einer telefonkonferenz beobachten wie 50 Wapitihirsche während des schneetreibens hinunter zwischen die häuser kamen. Kurz darauf sorgte dann der "Chinook" - ein fallwind oder föhn - schnell wieder für milde temperaturen. Ricco sorgte für so manche überaschung. Im May spielte er bei einer band vor, die einen schlagzeuger für eine USA-weite tournee durch 25 städte suchte. Er bekam den zuschlag, kündigte seinen restaurant job und probte fortan fast täglich das neue musikprogramm ein. Die tour - so hiess es - könne jeden moment starten. Ricco würde also seinen studienplatz im herbst nicht nützen können und sich später neu bewerben werden müssen. Uns war klar, dass er dieses angebot nicht ausschlagen konnte. So wenig es in Colorado auch regnet, so sehr schüttete es ausgerechnet an dem abend an dem wir Tim anlässlich seines 21sten zu einem open air konzert eingeladen hatten. Aus "System Of A Down" wurde buchstäblich "System Of A Downpour". Wir nahmen es mit einem lächeln und genossen ein musikalisch ausgezeichnetes konzert. Ende May wurde es richtig sommer und so bis blieb es durchweg bis mitte Oktober. Tim arbeitete während der semesterferien am gerichtshof in Boulder und half ausserdem der foodbank in Loveland essen an bedürftige auszugeben. Nebenher las sich unser bücherwurm durch 30 schmöker. Kerstin nahm sich den garten vor, der dadurch zu einem richtigen schmuckstück wurde. Wenn sie nicht einen der nachbargärten übernimmt, wird ihr im kommenden jahr zwangsläufig die arbeit ausgehen. Die projektlage in der firma erlaubte mir leider keinen urlaub im sommer. Wir stellen global auf ein SAP system um, was einen enormen organisatorischen aufwand mit sich bringt. Wenn sich so ein grossprojekt verzögert, fallen riesige zusätzliche kosten an und so setzen wir alles daran termingerecht zu liefern. Zu unserem firmenhauptquartier nach New York flog ich in der regel einmal im monat. Manchmal auch öfter, wenn, wie jetzt vor weihnachten, die karre im dreck steckt. Einen ausgleich bot mir mein mountainbike, mit dem ich die foothills unsicher mache. Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei an projektarbeit zu denken, während die weite landschaft Colorado’s an mir vorbeifliegt. Auch in unserem studio verbrachte ich kreative stunden und wünschte nur ich hätte etwas mehr zeit um meine musikalischen ideen weiter auszuarbeiten. Ricco probte derweil fast täglich, hoffend, dass die tour bald starten würde. Leider wurden immer wieder auftritte abgesagt und so verschob sich der aufbruch woche um woche. Schliesslich wurde ein tourauftakt in Sturgis, South Dacota angepeilt, anlässlich der jährlichen biker rally an der über fünfzigtausend motorradfahrer teilnehmen. Ein recht wildes ereignis, wie man sich leicht vorstellen kann. Aber auch dieser termin schien nicht sicher und Ricco musste sich fragen, ob er seinen studienplatz für eine mit fragezeichen behaftete tour opfern wolle. Seine entscheidung fiel mitte August: er entschloss sich sein studium in Boulder anzufangen und empfahl der band sich einen neuen schlagzeuger zu suchen. Das wintersemester began dann also mit beiden jungs im college in Boulder. Tim ist nun ein "senior", er wird im sommer sein studium beenden und arbeitet an seiner philosophie studienarbeit zum thema "warum ethisch handeln". Ein spaziergang mit ihm entwickelt sich schon mal in eine herausfordernde diskussion existenzieller fragen und der anschiessende kaffee durchaus zu einer interessanten vorlesung. Ricco geniesst sein leben als freshman. Er scheint seine entscheidung nicht zu bereuen. Wir sehen ihn, wenn er mit seiner neuen band zur probe in unser studio kommt. Den wiedereinstieg ins lernen und studieren packet er gut an und so bliebt zeit für’s snowboarden mit seinen kommilitonen. Dazu stehen ihm in Colorado die spektakulärsten skigebiete der USA offen. Ab und zu fahren Kerstin und ich nach Boulder um unsere studenten zum abendessen einzuladen, etwa beim "Sherpa", einem tibetanischen restaurant. Den beiden zuzuhören wie sie erfahrungen austauschen und über ihr studentenleben berichten, sind sternstunden für uns. Anfang Oktober hatten Kerstin und ich gerade noch rechtzeitig eine schöne drei-seen-wanderung in den Rocky Mountains gemacht. Das wetter war mild bis auf eine höhe von über 3000 metern. Eine woche drauf fiel in den Rockies der erste schnee und seit dem blinken uns im westen wieder schneeberge an. Wenig später düsten wir zwei nach Deutschland um dort meinen geburtstag zu feiern. Familie und die engsten Eislinger freunde hatten sich zeit genommen und wir hatten eine wunderschöne zeit. Kerstin blieb noch bis in den November um den geburtstag ihrer mutter am Chiemsee zu feiern. Mich rief das grossprojekt zurück und so blieb keine erholungspause. Zurück in Loveland klopfte Old Man Winter an die tür: schon ende Oktober fiel bei uns in den niederungen der erste schnee. Neulich nachts hatten wir acht grosse Wapitihirsche im garten, die an unserem lavendel knabberten und uns völlig ignorierten. Die kleineren Maultierhirsche spazieren auch tagsüber durch die nachbarschaft auf der suche nach grünem. Die koyoten - die im sommer kaum zu hören waren - stimmen nach einbruch der dunkelheit wieder ihre gesänge an. Und damit geht ein weiteres jahr zuende. Spannend war es mal wieder, überraschend, arbeitsreich und unlangweilig - ganz einfach lebenswert. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste und wünschen euch von herzen frohe weihnachten und ein rundum gutes jahr 2012.
With love from colorful Colorado - Kerstin, Pit, Tim & Ricco. |